Entwicklung der Selbsthilfegruppe Verwaiste Eltern – Leben mit dem Tod eines Kindes

Die Trauerbewegung ist eine weltweite Initiative mit vielen Wurzeln.

1987 gründete das Ehepaar Paul und Helga Goditsch nach dem Suizid ihres 18-jährigen Sohnes Volker Goditsch mit anderen suizidbetroffenen Eltern die Selbsthilfegruppe „Eltern trauern um ihr Kind", die regelmäßig zuerst privat, dann über Jahre im Bildungshaus Mariatrost zusammen kam.

Zusätzlich gründete im Jahr 1990 das Ehepaar Goditsch mit dem ebenfalls betroffenen Vater Klaus Grün die „Volker-Paul-Goditsch-Stiftung“ und stellte ihr ehrenamtliches Engagement in den Dienst der Suizidprävention, vernetzte sich mit Fachleuten, betrieb Öffentlichkeitsarbeit über das Thema Suizid in Schulen, Seminaren und zuletzt sogar mittels eines Universitätslehrganges. Zahlreiche MitarbeiterInnen stellten sich in den Dienst dieser Sache und begründeten auch eine Jugendgruppe “Projekt X“, in der suizidgefährdete Jugendliche, mit fachlicher Hilfe, die Möglichkeit der Aussprache haben und um u. a. durch sinnen-volle Freizeitbeschäftigung wieder Sinn zu finden. Die Stiftung ist heute bekannter unter dem Namen „WEIL = Weiter im Leben“ und bietet schon mehr als 13 Jahre, wie Telefonseelsorge, folgende mobile Notrufnummer an: 0664 35 86786

Die Trauer-Elterngruppe in Form einer Selbsthilfegruppe diente der Stärkung der Eltern und Familien, der gemeinsamen Aufarbeitung der Traumen und belastenden Erlebnissen vor oder nach dem Tod ihrer Kinder. Das wichtigste Wirk-Prinzip war die Hilfe zur aktiven Selbsthilfe, mit Anleihen aus der Erfahrung bekannter Gruppen im In- und Ausland. Im Laufe von 15 Jahren etablierte sich die Trauergruppe für Eltern, manche nahmen die gemeinsame Unterstützung viele Jahre in Anspruch. Der Zulauf zeigt einen kontinuierlichen Bedarf an ganz spezieller Begleitung trauernder Eltern, besonders nach Suizid eines Kindes.

Auch Frau Dr. Bodner als betroffene Psychologin unterstützte die Gruppe viele Jahre mit ihrer reichen Vorbildung aus der Erwachsenenschulung und Beratungsarbeit. Zeitweise schufen auch Pf. Martin Gutl, andere Fachleute und Pastoralassistenten zusätzlich vertiefende Angebote für die Trauergruppe.

Im Jahr 2003 übertrug das Ehepaar Goditsch die Gruppenleitung an die Psychotherapeutin Hanna Caspaar, nachdem diese fachlich bereits in ähnlicher Arbeit engagiert war und aus eigener Betroffenheit an der Gruppe teilnahm.

Die Gruppe „Verwaiste Eltern“ wurden 2003 unter dem Namen „Verwaiste Eltern trauern um ihr Kind“ ins österreichische Selbsthilfegruppen-Verzeichnis S I G I S eingetragen. Die fachliche Leitung gestaltete die professionelle Begleitung nach einschlägigen Fortbildungen bei und in Kooperation mit „Verwaiste Eltern“ in der BRD: dieser Ansatz geht auch auf die „Compassionate Friends“ zurück.

Getreu dem Selbsthilfegedanken wird weiterhin auf Empowerment, Selbstständigkeit statt PatientIn werden, Engagement als BürgerIn etc. Wert gelegt.

Material, Flyer und Broschüren wurden herausgegeben, Öffentlichkeitsarbeit forciert. Die für die betroffenen Eltern und Familien geplanten zusätzlichen Projekte konnten nach und nach umgesetzt werden.

Der Hauptschwerpunkt lag auf der fachlich anspruchsvollen Betreuung und Beratung der Trauernden. Den Betroffenen wurden ca. 15 Gruppentreffen pro Jahr und Freizeitaktivitäten angeboten, die gut angenommen wurden.

Ab dem Jahr 2005 ersetzten kleine Zuwendungen der Stadt Graz einen Teil der steigenden Sachkosten. Auch gab es nun die Möglichkeit der Einzelberatung.

Da ungefähr 85 % der Teilnehmenden und Anfragenden Mütter selbst oder weibliche Familienmitglieder sind, musste ein frauenspezifisches Konzept in den Beratungsansatz einfließen. Nach wie vor sorgen viele Frauen nach oder auch vor Trennungen allein für ihre Kinder, kümmern sich oft jahrelang um die durch schwierige Zeiten belasteten Jugendlichen. In der Zahl der alleinerziehenden Mütter drückt sich auch die gesamtgesellschaftliche Entwicklung der Versingelung und Anonymisierung aus. Für Heranwachsende bedeutet das eine Verarmung am Beziehungen mit entsprechenden Folgen. Im Krisenfall Trauer fehlt das stabilisierende Netz.

Der Gesamtanteil der von Suizid betroffenen zurückgebliebenen Angehörigen beträgt in unseren Gruppen insgesamt rund 50 %, eine erschreckend hohe Zahl. Suizide geschehen in allen Familien und Schichten, siehe unter: RAT.

Die Scheu der Suizidbetroffenen und die erste Trauerphase der Isolation machen besonders Hausbesuche oder Einzelgespräche mit nachfolgender telefonischer Beratung und Begleitung notwendig. Das Weiterleben mit dem Tod/Suizid ihres Kindes scheint Eltern oft wie eine unüberwindbare Barriere. Hier zeigt sich ein hoher Bedarf an Langzeit-Stützungsmaßnahmen für jeden Hinterbliebenen und die Geschwister, dem der Verein noch nicht nachkommen kann.

2006 formierte sich eine mitarbeitende Kerngruppe von Eltern, die die Institutionalisierung in Form eines Vereins und die Entwicklung eines professionellen Konzepts vorantrieb. Zur Finanzierung wurden erstmals 2007 Subventionen der öffentlichen Hand beantragt.

Dann wurde eine Ausweitung des Gruppenangebotes auf die steirischen Bezirke angestrebt, da viele Anfragen von isoliert trauernden Personen (Anrufe werden charakteristischerweise von Frauen getätigt, oft für den Partner mit) einlangen und umfangreiche, telefonische Beratungstätigkeit und Broschürenproduktion fordern.

Am 26.2.2007 wurden „Verwaiste Eltern“ zusätzlich als Verein eingetragen.

„Verwaiste Eltern“ ist ein Eigenname, den wir als Mitglied im deutschen Dachverband „Verwaiste Eltern“, www.veid.de, führen dürfen. Der Name „Verwaiste Eltern“ ist nach europäischem Recht in Deutschland als Marke eingetragen. Wir bitten um Verständnis, dass wir auf die Unverwechselbarkeit unseres Vereins, unserer Gruppen, unseres Ansatzes in der Trauerarbeit Wert legen und dass mit „Verwaiste Eltern“ nicht trauernde Eltern im Allgemeinen gemeint sind. Das wird öfters verwechselt.

In Zukunft wird für Eltern, Familien und Angehörige nach Suizid ein Modell erprobt, bei dem durch Hausbesuche auch Väter, Freunde und Geschwister in den Trauer-Begleitungsansatz miteinbezogen werden. Dies als Teil der Präventionsarbeit in Abstimmung mit dem Landes-Suizidpräventionsprogramm für Steiermark.

Der Verein ist auf Ihre Subventionen, Spenden und Mitgliedsbeiträge angewiesen, um seine Angebote kostengünstig gestalten und durchführen zu können.

Allen, die die Verwaisten Eltern bisher ideell oder materiell unterstützt haben, sei hiermit herzlich gedankt. Nur durch Sie ist die Fortführung unserer Arbeit möglich.

Bis Ende 2015 wurde für Eltern, Familien und Angehörige nach Suizid ein Modell erprobt, bei dem durch Hausbesuche auch Väter, Freunde und Geschwister in den Trauer-Begleitungsansatz miteinbezogen werden. Dies als Teil der Präventionsarbeit basierend auf dem Suizidpräventionsprogramm für Steiermark. Fachpersonal war für uns kleiner Verein unfinanzierbar, 2016 stellten wir das niederschwellige, bei Betroffenen hoch willkommene Projekt ein.

2017 finden Selbsthilfe-Gruppen Termine für trauernde Eltern und für Angehörige nach Suizid nur mehr in Graz statt.